|
|
Geschichte Nr. 12
Murphy´s Law at X-Mas
Hallo, liebe Leser. Mein Name ist Fridolin Schwabbelbauch, ich bin 56 Jahre alt, und arbeite als Luftbefeuchter in einem großen, internationalen Konzern (ich bin für diese Tätigkeit quasi prädestiniert, da ich mitunter eine sehr feuchte Aussprache habe und unter extremen Transpirationsschüben leide).
Ich möchte Ihnen gerne erzählen, welch unglaublichen Ereignisse mir letztes Jahr zu Weihnachten passiert sind. Ich hatte mir natürlich lange überlegt, was ich meiner Frau Xanthippe denn kostbares schenken könnte. Oh, bevor ich weitererzähle, muss ich noch vorausschicken, dass meine Frau und ich begeisterte Musikliebhaber sind, besonders einer Musikgruppe, nämlich „Willibald Kohlgericht & seine Original Fluppertaler Krautwurz´n“...wir haben jede Scheibe von Ihnen, naja, fast jede, eine einzige fehlt uns leider, das Prunkstück Ihres musikalischen Schaffens, die Liveaufnahme Ihres legendären Open-Air-Konzertes vor der Eiger-Nordwand aus dem Jahre 1972. Nun ja, wie der Zufall so spielte, habe ich diese Schwarzrille nun bei ebay entdeckt und da diese Auktion genau an Heiligabend endete, der Verkäufer auch noch aus unserer Ecke kam und ich vormittags arbeiten war, konnte ich bequem das gute Stück während der Arbeit ersteigern, ohne dass meine bessere Hälfte etwas davon mitbekommen würde. Um sicher zu gehen, bot ich bereits eine Stunde vor Auktionsende 20.- Euronen unter meinem Mitgliedsnamen „Dorfdepp“, ich war der einzige Bieter und wenn ich Glück hatte, würde dies bis zum Ende der Auktion so bleiben. Nun ja, die Zeit verging und 10 Minuten vor Schluss beschloss ich, doch nochmal einen Blick auf die Auktion zu werfen...und was mussten meine trüben Äuglein da sehen??? Ich war überboten, „Hasensaft“ lag mit 21.- Euro vorn...ich ging auf´s Ganze, bot meinen Maximalbetrag von 150.- Euro und ich blieb vorne, noch drei Minuten, noch zwei Minuten, noch eine Minute, 10 Sekunden, 5 Sekunden, 3, 2, 1...seins...tatsächlich seins, Hasensaft war der Käufer mit 151.- Euro. Ich fiel in ein tiefes Loch, ein sehr tiefes Loch, ich brauchte über eine halbe Stunde, um mich wieder daraus hervorzukämpfen und einen klaren Gedanken zu fassen, den klaren Gedanken, dass ich momentan ohne Weihnachtsgeschenk vor unserer Haustür erscheinen würde, und wie ich meine Frau kannte, wäre das dann das letzte Mal, dass ich vor unserer Haustür stehen würde. Ich brauchte einen Ersatz, einen guten Ersatz, nicht irgendein Pipifax-Geschenk, nein, es musste schon etwas Besonderes sein. Da fiel mir unser letzter Ausflug in das Einkaufszentrum vor unserer Stadt ein, das muss jetzt zwei Wochen her sein, meine Frau erblickte etwas beim Juwelier „Brieftaschensprenger“, eine "Perlenkette" für satte 299.- Dublonen, die sie mit den Worten beschrieb, die wohl jedes männliche Wesen schon einmal gehört hat - “oh, schau doch nur, ist sie nicht schön??? Du schaust ja gar nicht hin, hier, die zweite von rechts, merk sie Dir ja gut, oh, sie ist bestimmt bald verkauft, und sie würde mir doch so gut zu meinem broccoligrünen Abendkleid stehen, oder was meinst Du???“ – ja, diese Worte bedeuten nur eins, meine Frau will diese Perlenkette unbedingt haben...also gut, schnell mal die gelben Seiten aus der Versenkung geholt, die Telefonnummer hervorgekramt und angerufen. Und ich hatte Glück, die Perlenkette war noch da....und ich hatte Pech, der Preis hat sich wegen Weihnachten um 100.- Euro erhöht, lässige 399.- Euro kostete das gute Stück jetzt. Ich ließ sie mir reservieren und sicherte zu, innerhalb der nächsten Stunde vorstellig zu werden. Ich also raus aus dem Büro, auf den Firmenparkplatz, Auto aufgeschlossen, Zündschlüssel gedreht...und gedreht...und gedreht. Was war denn das jetzt schon wieder und warum hing da ein schweinchenrosafarbener Schlauch aus meinem Tankstutzen...??? Nein, das konnte nicht sein, ich wusste ja, dass die Spritpreise sehr hoch waren, aber dass sie so weit gehen würden, ich fiel vom Glauben ab. Nun ja, zum Glück war direkt gegenüber vom Parkplatz eine Bushaltestelle, ich schnappte noch meinen Regenschirm vom Rücksitz, da es leicht anfing zu nieseln und ging zur Haltestelle. Wunderbar, wenn der Fahrplan stimmte, musste ich keine 10 Minuten auf den nächsten Bus warten...und er fuhr direkt zum Einkaufszentrum. Inzwischen regnete es stärker und die Straße wurde schon sehr nass, so nass, dass ich mein Antlitz in einer Pfütze auf dem Asphalt bestaunen konnte, allerdings nur ein paar Sekunden lang, denn dann befand sich das Wasser aus der Pfütze in meinem Gesicht und auf meinem Mantel, mein Mantel, mein nagelneuer Mantel aus bolivianischem Hängebauchschweinleder, das ich im neuen Jahr zur Imprägnierung bringen wollte...hach ja, manchmal regeln sich die Dinge wie von selbst...Ich stieg in den Bus, dem ich meine kleine Mittagsdusche zu verdanken hatte, löste einen Fahrschein und suchte nach einem Sitzplatz...hmmm, nichts frei, aber ich dachte mir, ich könnte mal den jungen Mann in Reihe 3, Fenstersitz, geschätzte 14 Jahre alt, fragen, ob er denn nicht so freundlich wäre, seinen Platz einem gebrechlichen Spätfünfziger anzubieten. Das Erlebnis, welches man erfährt, wenn jemand einem Hasstiraden in einer ihm unbekannten Sprache mit ungefähr 62 Dezibel entgegenschmettert, ist schlicht und einfach unbeschreiblich. Das war es dann wohl mit meinem Sitzplatz, ich schlängelte mich also etwas nach hinten durch, um wenigstens etwas Halt an einer der Haltestangen zu finden. Ich umschloss die Stange und bemerkte augenblicklich die zähige Konsistenz eines noch recht frischen, kaum angetrockneten Kaugummis, den meine Finger da sanft umschlossen...konnte es das wirklich geben, stand denn heute „Depp“ auf meiner Stirn??? Der Kaugummi war übrigens von der Geschmacksrichtung Maulbeerblatt, wie ich später feststellte, als ich mir mit der Hand durch´s Gesicht fuhr, um das restliche Wasser abzutupfen...Dann war ich da, das Einkaufszentrum kam ins Blickfeld, der Bus hielt an, ich sprang heraus und begann zum Holzsteg zu laufen, der einen Teich überquerte und zu einem der Nebeneingänge des Einkaufszentrums führte. Es regnete immer noch, jetzt in Strömen, und ich bemerkte, dass ich meinen Schirm im Bus vergessen hatte...ich winkte ihm zum Abschied...möge der neue Besitzer mehr Glück mit ihm haben als ich. Ich begann jetzt zu rennen, hatte den Holzsteg fast hinter mir und musste nur noch duch eine relativ große Pfütze vor der Eingangstür...wie seltsam matt die Pfütze doch erschien, kein Spiegeln, kein leichtes Wellenkräuseln...oh mein Gott, schließlich hatten wir 17° minus...ich fing an zu schliddern, rutschte auf dem Eisbrett in Richtung Glastür, ich sah aus wie ein Affe auf dem Schleifstein, und dann kam sie, die Glastür...nein, hinter dem Windfang kam noch eine zweite und auch die nahm ich mit Karacho. Leicht verletzt, schwer bestaunt und der edle Mantel aus bolivianischem Hängebauchschweinleder endgültig ruiniert, kam ich schließlich direkt vor dem Juwelier zum Stehen...und da sah ich sie, im Schaufenster direkt vor mir, die Perlenkette war noch da, jetzt hatte ich alle Zeit der Welt, gemütlich ging ich über den Eingang und stellte mich mit meinem Namen vor und dass wir vor kurzer Zeit miteinander telefoniert hätten. Ich sah mir das gute Stück an, wirklich unendlich schön. Ich holte meinen Geldbeutel mit der Scheckkarte heraus oder besser gesagt, ich wollte ihn herausholen, seltsamerweise befand sich an der Unterseite meiner Hosentasche jetzt ein Loch, ein Schnitt, gerade wie ein Strich, die Kanten blitzsauber, ja, Rasierklingen aus Solingen sind wirklich klasse...das war zu viel, man hatte mir die Kröten samt Brieftasche im Bus geklaut, ohne dass ich etwas merkte...ich fühlte mich allein, so allein...bis mich der Juwelier aus meiner Lethargie riss. Er merkte an, dass er die Perlenkette auch tauschen würde...gegen meine Armbanduhr, die er bestimmt schon 2 Minuten beglotzt und geschätzt hatte, und er hatte gut geschätzt, meine „Gleitring“ für 2.800.- Euro übertraf den Preis für die Perlenkette um ein Vielfaches. Mir war inzwischen alles egal, aber sowas von egal, Sie glauben gar nicht, wie egal. Ich tauschte tatsächlich meine Uhr gegen die, in meinen Augen inzwischen poplige, Perlenkette, verließ das Geschäft und wollte nur noch eines...nach Hause. Ich lief ca. 2 Stunden, da ich ja inzwischen kein Geld mehr hatte, konnte ich mir keinen Busfahrschein mehr leisten, und ein Taxi würde mich nicht mitnehmen, ich sah ja inzwischen aus wie ein Clochard, der einen Spaziergang durch die Müllpresse gemacht hat. Als ich vor meiner Haustür stand, hörte ich leise Musik hinter der Tür...ich kannte diese Musik, das konnte nicht sein...die Tür ging auf, meine Frau stand da und glotzte mich an wie einen Ölgötzen. Nachdem ich Ihr meinen Tag geschildert hatte, sagte Sie, Sie hätte eine Überraschung für mich und ich sollte doch mal meine Lauscher aufrichten...da fiel es mir wie Schuppen von den Haaren...“Hasensaft“...??? sagte ich zu Ihr. „Ja, aber woher weißt Du...?...ähhh,...“Dorfdepp“...??? Ich nickte und nach einer Minute brachen wir beide in schallendes Gelächter aus.
Und liebe Leser, was soll ich sagen, es wurde doch tatsächlich noch das schönste Weihnachtsfest, dass wir in den letzten Jahren verbracht hatten.
Und damit wünsche ich auch Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest...
P.S.: Sämtliche Personen und Ereignisse sind fiktiv, jedwede Ähnlichkeit mit lebenden Personen sind gewol...ähh...ungewollt und nicht beabsichtigt.
|